Programm & Teilnehmer

Donnerstag, 16. März

10.00
Begrüßung durch Bernd Scherer, Intendant Haus der Kulturen der Welt

Einführung
Hanna Engelmeier und Philipp Felsch

1. Sezessionen

Moderation: Philipp Felsch

11.00
Patrick Eiden-Offe (Berlin): Drop-outs der preußischen Bildungsexpansion: die Berliner Junghegelianer und ihre rheinischen Nachfolger

Die Berliner Junghegelianer um die Brüder Bruno und Edgar Bauer, Max Stirner oder Arnold Ruge waren die organischen Intellektuellen einer Generation von Akademikern, die der preußische Staat nach der Humboldtschen Reform des Bildungssystems 1809ff. systematisch über den eigenen und jeden anderen institutionellen Bedarf – etwa in den reformierten Universitäten oder der Verwaltung – hinaus produziert hat. In der revoltierenden Exzentrik dieser „Intellektuellengruppe“ (Wolfgang Eßbach) kommt die Prekarität der eigenen Lebensform zum Ausdruck, sie wird aber selten reflektiert. Die nächste revolutionäre Intellektuellengeneration kommt aus der von Preußen frisch übernommenen Rheinprovinz. Figuren wie Hermann Püttmann, Friedrich Engels oder Moses Heß sind zwar akademisch gebildet, haben aber jede weitergehende akademische Ambition von vornherein pragmatisch in den Wind geschrieben. Was den Berlinern noch außer-akademischer Notbehelf war: eine ungestüme publizistische Projektemacherei mit zahllosen, meist kurzlebigen Journalen, Zeitschriften und Jahrbüchern wird den Rheinländern zum eigentlichen Lebenselement. Ihr Modell „Zeitschrift statt Lehrstuhl“ (Anna Maria Post) lässt die Universität schließlich sogar als negativen Abstoßungspunkt hinter sich. Dass revolutionäre Intellektuelle ihren Lebensunterhalt auch im akademischen Milieu verdienen könnten, wird erst um 1900 wieder zu einer realistischen Option.

12.00
Stefan Höhne (Berlin): Universitätsguerilla und bewaffnete Bildungsreform. Militanter Antiakademismus in Europa und den USA 1977 – 1989

Hatte Rudi Dutschke 1968 die Universität noch als „das schwächste Glied“ bezeichnet, vom dem aus der „lange Marsch durch die Institutionen“ begonnen werden sollte, war sie zwei Jahre später in den Augen des späteren Anführers der italienischen Roten Brigaden, Renato Curcio, bereits die „zentrale Festung der herrschenden Kultur“, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Doch nicht nur für linke Gruppen in Italien stellten die Akademien durchaus legitime Ziele für militante Aktionen dar. Auch in Deutschland und den USA mehren sich ab den späten 1970ern die Anschläge gegen Forschungs- und Bildungseinrichtungen. Der Vortrag geht der Frage nach, was so unterschiedliche Gruppen wie die Animal Liberation Army in den USA, die Roten Brigaden in Italien oder die Revolutionären Zellen/Rote Zora in Westdeutschland bewog, die Universitäten mit Gewalt anzugreifen.

13.00 Pause

14.30
Diedrich Diederichsen (Wien): Hilfe, mein Lover ist Ethnologe!

Antiakademismus lässt sich in eine unterbietende und eine überbietende Variante unterscheiden. Beide nehmen als Maßstab gerne das Bild des/der Intellektuellen zur Hand: in der einen Version ist die ohnehin beklagenswerte Figur des/der Intellektuellen im Akademismus an die Macht und zu sich selbst gekommen und gehört dafür bekämpft, in der anderen Version werden die wahren Intellektuellen durch die Akademie/Universität daran gehindert, sich zu verwirklichen. Die zweite Fassung ist interessanter, aber auch zuweilen übler; manchmal schlimm, zuweilen erfolgreich, wenn beide sich verbünden – cases in point: Willem F. Hermans und Hubert Fichte.

2. Figuren

Moderation: Hanna Engelmeier

15.30
Marian Füssel (Göttingen): Schulfüchse, Streithähne und gelehrte Affen. Der Habitus des Professors und die Formierung eines antiakademischen Diskurses seit der Frühen Neuzeit

Ausgehend von dem empirischen Befund, dass vormoderne Kritiker akademischer Missstände kaum auf institutionelle Mechanismen als solche eingingen, wie etwa Hierarchien, Mobbing, Korruption, praxisferne Lehre etc., sondern diese vielmehr stets personalisierten, fragt der Beitrag nach der Formierung eines antiakademischen Diskurses auf der Grundlage von Stereotypisierungen devianter Habitus. In den pedantischen, streitsüchtigen und weltfremden Professorentypen werden so strukturelle Signaturen sichtbar, welche den jeweiligen Zustand der Institution Universität insgesamt betreffen. Der sich formierende Diskurs zielte selten auf eine fundamentale Abschaffung der Universitäten ab, sondern fungierte eher als ein Archiv von Wahrnehmungsmustern zur Selbstbeobachtung und -kritik des akademischen Habitus. Die skizzierte diskursive Formation wirkt bis heute weiter, wie ein Ausblick in die Welt der Professoren in der populären Kultur zeigen soll.

16.30 Kaffeepause

17.00
Jürgen Kaube (Frankfurt am Main): Zu welchem Ende studiert man nicht?

Studenten sind seit jeher die wahren Antiakademiker: Über historische und gegenwärtige Umstände ihrer Lebensführung.

19.00 Abendessen mit allen Vortragenden

Freitag, 17. März

10.00
Thomas Etzemüller (Oldenburg): Grenzgestalten: „Arme Irre“, Friedrich Kittler und die Pseudo-Wissenschaft. Antiakademismus qua Zuschreibung

Der Vortrag wird am Beispiel exemplarischer Figurationen beleuchten, wie in der Wissenschaft die Grenze zwischen legitimem Akademismus und antiakademischen Positionen durch Zuschreibungsprozesse ausgehandelt wird. Von den „Armen Irren“ bis zu Friedrich Kittler wird diese Grenze allmählich und unter akademischen Schmerzen überschritten, wobei diesseits der Grenze erneut eine antiakademische Figur ausgemacht wird: Frauen in der Wissenschaft.

3. Gattungen

Moderation: Dorothea Hauser

11.00
Eva Geulen (Berlin): August Wilhelm Schlegel: Antiakademismus in der Akademie

Abstract: tba.

12.00 Kaffeepause

12.30
Julika Griem (Frankfurt am Main): Insel der Seligen, eisernes Gehäuse: Soziale Topographien in zeitgenössischen Universitätsromanen

Antiakademismus produziert seine eigenen Genres, aber er stellt sich auch als Effekt von Gattungs-Konventionen ein – so zum Beispiel in Romanen, die die institutionelle und individuelle Relevanz von Universitäten in Frage stellen. In meinem Beitrag werde ich, mit Bezug auf Rüdiger Campes Kategorie des „Institutionenromans“, John Williams’ Stoner (1965), Peter Sloterdijks Das Schelling-Projekt (2016), Felicitas Hoppes Hoppe (2012), Chris Kraus’ I Love Dick (1997) sowie Tom McCarthys Satin Island (2015) diskutieren. Mit Blick auf verschiedene Konstellationen der Verschränkung von Interiorität und Exteriorität sollen gegenwärtige Möglichkeiten der Inszenierung, Modellierung und Bewertung der Universität im Modus des Romans untersucht werden.

13.30 Pause

15.00
François Cusset (Paris): From Davos to San Cristobal: the dialectics of autonomy

At one end of the spectrum, the channeling of the revolutionary theory and practice of autonomy from sociocultural struggles into management and entrepreneurship; at the other end, the radical experiments of existential autonomy as taught and lived in alternative universities, from San Cristobal’s Cideci today to Paris‘ Vincennes in the 1970s; and in between, the pedagogy of new life forms in contemporary political dissidence against the dark background of a global neoliberalization of higher education.

4. Institutionen

Moderation: Onur Erdur

16.00
Rosa Eidelpes (Wien/Berlin): ‚Psychoanalyse’ der Wissenschaft, Austreibung des wissenschaftlichen Geistes und mimetische Ethnologie: Der Antiakademismus des Collège de Sociologie

Das von 1937 bis 1939 im Umfeld des Surrealismus u.a. von Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris betriebene konspirative Gruppenprojekt namens Collège de Sociologie wollte die Kategorien der Ethnologie bzw. Religionssoziologie auf die eigene Gegenwart übertragen. Theoretische Grundlage war die neuerfundene „Sakralsoziologie“ (sociologie sacrée), die das „Sakrale“ in der eigenen Gesellschaft und im eigenen Unbewussten aufdecken und reaktivieren sollte, sich außerdem als Metawissenschaft bzw. ‚Psychoanalyse’ des modernen wissenschaftlichen Geistes verstand, die diesem seine epistemisch blinden Flecken vor Augen führt, und sich in der „Einheit von Erfahrung und Erkenntnis“ in Form einer subjektiven und identifizierten Forschungsperspektive übte.
Wie kann das kurzlebige Projekt im zeitgenössischen Wissenschaftskontext bewertet werden, insbesondere mit Blick auf die französische Ethnologie, die sich in den 1930er Jahren als neue Leitwissenschaft institutionalisierte? Handelt es sich bei der Sakralsoziologie (nur) um einen (primitivistischen) Ausläufer der akademischen Ethnologie bzw. um den Versuch, einen von den positiven Wissenschaften verdrängten esprit littéraire zu rehabilitieren? Inwiefern lässt sich im Bezug auf die Gruppe tatsächlich von der Artikulation eines wissenschaftlichen ‚Unbewussten‘ sprechen?

ab 17h Führung durch das Haus der Kulturen der Welt

19.00
Keynote: Geoffroy de Lagasnerie (Paris): The University and its Critics: Academic Norms, Dissension and the Production of Knowledge

Moderation: Philipp Felsch

As academic norms are historical, conventional and the result of power struggles, may not questioning the existing norms be inherent of the logic of the production of knowledge? What does one criticize when one criticizes the academic field, and what are the different types of anti-academicisms? University is not only an institution but also an idea, associated with the practice of experimentation, critique and reflexivity: Should not the critique of the academic field be part of the functioning of the academic reason?

Geoffroy de Lagasnerie is a philosopher and sociologist, and professor at the École Nationale Supérieure d’Arts de Paris-Cergy. He is the author of several books and articles pertaining to social and political philosophy and critical theory. He has published three books on the issue of the university, critical theory and the intellectual field: Penser dans un monde mauvais (Presses Universitaires de France, 2017), Logique de la création. Sur l’Université et la vie intellectuelle (Fayard 2011) and L’Empire de l’Université. Sur Bourdieu et le journalisme (Amsterdam, 2007). (Amsterdam, 2007).

Samstag, 18. März

10.00
David Kaldewey (Bonn): Die Universität als „Safe Space“. Neue studentische Bewegungen als Verwirklichung und Ende von Theorie

An US-amerikanischen Universitäten hat sich ein neuer Modus studentischen Protests etabliert. Auf den ersten Blick dreht sich dieser um Probleme wie Rassismus und Sexismus, im weiteren Sinne aber geht es um die Frage, wie sich Studierende ihr Leben auf dem Campus vorstellen. Die Stichworte der Debatte lauten „microaggression“, „cultural appropriation“, „safe spaces“ und „trigger warnings“. Kritiker der neuen Proteste sehen durch solche Forderungen die Meinungsfreiheit in Gefahr und befürchten eine Tyrannei der Politischen Korrektheit. Der Vortrag analysiert diese neuen Kulturkämpfe und vergleicht sie mit früheren studentischen Bewegungen. Es wird die These formuliert, dass der kulturwissenschaftliche Theoriediskurs der letzten Jahrzehnte sich hier zugleich verwirklicht und an sein Ende kommt.

11.00
Rembert Hüser (Frankfurt am Main): Dreitagebart

Jeden Dienstag in der Vorlesungszeit wiederholt sich quer durch die Institute der bundesdeutschen Universitäten außerhalb von Berlin dasselbe Spektakel: die Pendler kommen in die Stadt, die ihren Anforderungen nicht genügt. Was macht dieser Sonderfall des Pendelns, das emphatische Pendeln vom universitären Arbeitsplatz „nach Berlin“, das freiwillige Spargelstechen, mit den Pendlern, den Instituten, den Städten auf beiden Seiten des Intervalls? Und wie sieht er aus, der neue Bahn Comfort-Campus von Arbeit und Leben in der Mitte?

12:00 Kaffeepause

12.30
Kader Konuk (Duisburg-Essen): Akademische Freiheit als Bedrohung: Exil in und aus der Türkei

Das derzeitige AKP-Regime der Türkei wird durch AkademikerInnen, JournalistInnen, KünstlerInnen und SchriftstellerInnnen bedroht, die Redefreiheit einfordern. Als Ergebnis der antiintellektuellen und antiakademischen Ausrichtung der Regierung sind in der letzten Zeit zahlreiche säkulare Intellektuelle verhaftet, zum Schweigen gebracht oder ins Exil gezwungen worden. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Flucht der AkademikerInnen aus der Türkei untersucht dieser Vortrag die Geschichte der Freiheit von Forschung und Lehre in der Türkei. Die Gründung der türkischen Universitäten als säkulare, autonome Institutionen reicht bis in die 1930er Jahre zurück. Sie wurden mit der Unterstützung jüdischer und sozialistischer AkademikerInnen eingerichtet, die aus Deutschland in die Türkei emigrierten. Über Jahrzehnte übten sie eine wichtige Funktion bei der Formierung einer intellektuellen, säkularen Elite aus, die momentan Angriffen ausgesetzt ist. Dieser Konferenzbeitrag beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen Exil, kritischem Denken und den Universitäten.

13.30 Mittagessen

 

Parallel zu allen Vorträgen im Foyer des Konferenzraums:

Das fünfte Panel. Auf der Couch mit Philipp Albers, Holm Friebe, Hans Hütt, Thomas Meinecke, Kathrin Passig und Cornelius Reiber

Hintergrundgespräche, informeller Austausch, Erweiterungen, Abgrenzungen, Gegenrede zum Vortragsprogramm.